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Adventszeit-Erdbeerzeit

im Dezember geht es los mit den Erdbeeren in Vietnam. Wäre ich noch in Hanoi, würde ich gleich mal Erdbeermarmelade kochen. Ja, aber seit zwei Wochen darf sich Saigon meiner glücklich schätzen und hier reicht meine Kochausstattung nicht über einen Wasserkocher für Kaffee und Instant- Nudeln hinaus… Dafür weihnachtet es hier umso mehr- in tropischer Hitze stehen Engel, Nikoläuse und Schneemänner vor den großen Kaufhäusern Spalier, neon-grelle Girlanden und Weihnachtsmann-Kostüme für Kinder säumen die kleinen Straßenläden. Eben hab ich mich mit sehr originellem Weihnachtsschmuck versorgt- quietschbunten Sternchen und Glöckchen… Die werden die unvergleichliche Harmonie meines Hotelzimmers komplettieren, das bereits mit einem Plastikweihnachtsbaum und einem Adventskalender aufwarten kann. In weiser Voraussicht von meinen Eltern importiert, um mir die Adventszeit zu verweihnachtlichen… Also kurz der Reihe nach- Mitte November waren meinen Eltern für 2 Wochen hier, um mich zu besuchen und das Land kennen zu lernen.

Wir haben die (begründet!) obligatorische Ha Long Bucht umschippert, Hanoi auf dem Moped unsicher gemacht, und uns dann über Zentralvietnam (Hoi An ist und bleibt der schönste Ort Vietnams!) in den Süden des Landes aufgemacht, ins Mekongdelta und nach Saigon. Es war eine wunderschöne Zeit, oft mit so traumhaften Gegenden und Eindrücken, dass es nahezu surreal war. Ich hab die Reise mit ihnen total genossen, vor allem mich auch mal richtig verwöhnen lassen, nichts geplant, super gegessen, Hotelpools und Meere durchschwommen… Für meine Eltern war es wohl auch eine unvergessliche und sehr eindrucksvolle Zeit (stimmt’s?).

Aber kaum in Saigon angekommen, und meine Eltern souvenirbeladen in den deutschen Winter entsandt, ging es hier los mit Arbeiten - Unterrichten im Goethe-Institut. Ich hab zwei sehr liebe Klassen (die eine mehr, die andere weniger fleißig ;-) ), tolle, unterstützende Kollegen und wurstle mich immer mehr ins Material ein. Allmählich gewinne ich auch Übung darin, langsam und nicht allzu komplex zu sprechen. (Ihr könnt euch nicht ausmalen, wie kompliziert das ist! Erklärt mal was ohne Nebensätze, Modalverben und Konjunktionen!) Herausfordernd bleibt die Kontrolle meiner Gesichtszüge, die mir gelegentlich entgleisen, wenn mir mal wieder eine freundliche Schülerin von ihren mitgebrachten Snacks anbietet- erst tarnt sich das meist kleine braune Ding als Süßigkeit, bis es sich als extreeeeeem saures Etwas entlarvt, das einem die Plomben noch aus den Zehen zieht! Mal wieder ein Beweis, wie unterschiedlich doch Geschmack sein kann, noch dazu das Empfinden von Genuss!!!! Experimentierfreudig bin ich trotz allem noch halbwegs geblieben, wenn auch schon bei Weitem vorsichtiger. Der Griff zum Instant- Tamarinden Tee (zugegebenermaßen in erster Linie motiviert durch das Trinkglas als freie Zugabe) hat sich allerdings als glücklich erwiesen… Was meine inzwischen noch eintönigere Kost (Nudelsuppe, Nudelsuppe und gelegentlich Reisnudelsuppe) durch Vitamine ergänzt. Bo sung C steht groß auf der Packung.

 

Das Wort für Vitamine und Mineralien hab ich heute erst gelernt. Bei meinem wirklich lieben und lustigen Thay Hung. (Thay ist die Anrede für Lehrer, co die für Lehrerinnen… ich bin also co Andrea ;-)Er gab mir den weisen Rat, mir doch die bao phu nu, die vietnamesische Frauenzeitung zu kaufen. Mit dem Ergebnis, dass ich erstaunterweise ziemlich viel verstehen kann (bleibt die Frage, ob das mehr über meinen Lernfortschritt als das Niveau der Zeitschrift aussagt) und sich mein Wortschatz nun von „Wirbelsäule drehen“ und „synchron tanzen“ (Tanzunterricht) über „Krieg“ und „Revolution“ (Spuren meiner Museumsbesuche) bis hin auf „fremdelnde Kinder“ und „Frischhaltemethoden für Obst und Gemüse“ erstreckt. ;-) Inzwischen kann ich mich sogar tatsächlich mit Leuten länger als 5Minuten unterhalten. Was den schönen Effekt hat, meine Hotel-Ladies besser kennen lernen zu können, aber auch anstrengend wird, wenn man einen aufmerksam gewordenen Museumsaufpasser einfach nicht mehr abwimmeln kann, wenn man einmal durchblicken hat lassen, dass es nicht nur auf dessen rudimentäres Englisch ankommt, sondern das Gegenüber sich ebenso rudimentär in dessen eigener Sprache bewegt…. Ich kauf mir bald mal nen Ring…. Saigon- um ehrlich zu sein hab ich die Stadt am Anfang gehasst. Ich hätte mich sonst wo hin beißen können, dass ich nicht in meinem schnuckeligen, heimischen, bekannten Hanoi geblieben bin, wo ich Freunde habe, mich auskenne, die Leute besser verstehe (hier spricht man einen starken Dialekt, fast schon eine Sprachvariante von dem Vietnamesisch, das ich gelernt habe), weiter in meinen bekannten Kreisen Tanz unterrichten hätte können, Karaoke-Bars und Export-Läden (die Ginger Ale und Schwarzbrot verkaufen) kenne… Die Stadt hier ist fast dreimal so groß, laut, schwammig, nicht greifbar, anfangs abweisend, so viel kommerzieller und hat weniger Charakter. Alles scheint konturlos ineinander zu verschwimmen, ist

neu, fremd, macht verletzlich, einsam… Ich war kurz davor, meine Sachen zu packen und zu gehen. Aber jetzt blüht natürlich alles ;-) Ich hab mich eingelebt, bin wieder Moped- mobil und unabhängig, habe zwei Freunde aus Deutschland getroffen, die mich ein wenig eingeführt haben, kenne inzwischen mein Schwimmbad, eine Kung Fu –Crew im Park, die Montags-Salsa-Bar „Berlin“, rekrutiere fleißig Leute zum Badminton und beginne das Spiel „wer sammelt die meisten Visitenkarten- und Telefonnummern“ aufs Neue. Generell sorgt aber auch die Weihnachtszeit für genug Abwechslung. Kultureller Art. Das Goethe-Institut bringt ein Dürrenmatt-Stück auf die Bühne, zu dem wir heute Abend in die Oper gehen (Der Besuche der Alten Dame! Das Genialste!!!!), dann gibt es noch eine Studentenparty, für die die Klassen fleißig Schunkellieder und deutsches Volksgut einstudiert haben wie „Horch, was kommt von draußen rein?“ oder „An der Nordseeküste“ oder „Auf der Reeperbahn“… Thema sind die deutschen Bundesländer – in jeder Form und Unform... Es wird wohl auch kulinarisch ziemlich deutsch zugehen. Zudem stehe ich bereits auch auf der Gästeliste des deutschen Konsuls für die Weihnachtsfeier. (Das lässt Andrea hoffen! Vielleicht mal wieder Braten und Spätzle und Wein???) Ach, was gäbe ich um einen Glühwein, jetzt, auf einem deutschen, altstädtischen Weihnachtsmarkt! In der Kälte und passenden Weihnachtsstimmung, dick eingemummelt, mit gebrannten Mandeln und Lebkuchen! Ich beschwöre Euch: wenn ihr die Kälte und Dunkelheit satt habt- denkt an mich, dass ich euch gerade soooo darum beneide! Ich SEHNE mich regelrecht danach, mal wieder einen Pulli tragen zu können und nicht schon beim Morgenkaffee in Schweiß auszubrechen! Genießt die Adventszeit! Freu mich von euch zu hören, auch wenn ich momentan leider nicht mehr so viel wie seither im Netz sein und antworten kann!!

7.12.06 13:26
 



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