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Aus der Versenkung wieder aufgetaucht

Um ehrlich zu sein- die letzten drei Wochen waren schrecklich. Kulturschock, Frust, Krankheit, Zeitdruck, Ansprüche, unrealistische Forderungen an mein Sprachvermögen… Ich war täglich kurz davor, aufzugeben oder einfach nur im Bett liegen zu bleiben. Kulturfrust ist ja nicht lediglich, nicht in gewohnter Effektivität arbeiten und agieren zu können, weil es andere Hierarchien, Regeln, Mindsets, Werte und Verzögerungen samt Begründungen skurrilster Art gibt… sondern besonders- und das ist das schmerzhafte daran- , dass Verhaltensweisen praktiziert werden, die gemäß unserer Sozialisation einfach als komplett respektlos, verletzend, wenn nicht gar beleidigend empfunden werden. Das kann einem die letzte Kraft rauben.
In so einer fremden, andersartigen Kultur zu stecken bringt darüber hinaus mit sich, sich immer wie auf Zehenspitzen zu fühlen. Alles ist anders, neu, ungewohnt nicht vertraut, sondern umständlicher, fremd, man macht alles falsch, missversteht sich, es schmeckt nicht, die Wohlfühlelemente und gewohnten Rückzugsorte fehlen… Dann kommen Schlafmangel durch Baustellenlärm und nächtliche Musikbeschallung dazu, Krankheiten, Dissonanzen mit vietnamesischen Freunden und Partnern, dass man nie darüber informiert wird, was passiert und geplant ist, man immer flexibel und einsatzbereit sein muss, man als Westler generell mal mit utopischen Erwartungen (nicht selten finanzieller Art) traktiert wird … so dass schnell ALLES, einfach ALLES anstrengend wird!
Da quält man sich mit dem letzten Quäntchen Kraft, das man zusammen kratzen kann, zum Tanzunterricht. Weiß, dass es wieder so viel Energie kosten wird, die Sprachbarriere zu überwinden, einen Flohhaufen zusammen zu halten, zu kommunizieren. Weiß, dass die Uhr tickt, - nur noch 3 Wochen bis zur Aufführung! - hat seinen Plan für den Abend, wie weit man mit den 3 Gruppen parallel kommen muss… und da spaziert plötzlich ein TV-Team herein, die Französisch sprechende Reporterin baut sich vor einem auf und verkündet, was sie sehen und filmen will. Versuche, ihr zu erklären, dass ich gerade noch etwas anderes machen möchte, prallen ab. (Ich habe doch schließlich dankbar zu sein, ins TV zu kommen!) Also wird der Unterricht zur Show für sie gemacht. Dann plötzlich soll ich ein Solo tanzen. Ich bin kurz davor, zusammen zu brechen. Kann nicht mehr. Hasse nichts so sehr, wie allein auf einer Bühne zu stehen, dann noch mit Scheinwerfern und meine 40 Schüler müssen sich um mich setzen und mir applaudieren. Dann noch mal, damit alles im Kasten ist. Anschließend soll ich ein Interview auf Französisch geben. (Ihre Sprachkenntnisse scheinen sich aufs Sprechen zu beschränken, sie versteht meine Antworten meistens nicht, wird es zu Hause übersetzen oder einfach irgendwie übersprechen). Ich bin völlig ausgelutscht und frustriert, über die Stagnation unserer Trainingsphase, über die ständigen Forderungen an die Eier legende Wollmilchsau aus dem Westen. Am Ende des Abends erfahre ich (netterweise), dass Freitag schon wieder ein TV-Team anrücken wird. Meine Fäuste ballen sich…
--- SCHNITT ---
Ich habe meine rosa Brille wieder gefunden ;-). Knödel und Marmelade gekocht, deutscher Literatur gefrönt und alles passt wieder... Nein, im Ernst, die Konflikte verschärfen sich zwar gerade- kultureller Art, sprachlich, mit dem Projekt, der Haltung uns gegenüber- aber meine eigene Einstellung hat sich in vielem geändert. Ansprüche an das Projekt, an die Leiter und Koordinatoren und deren Haltung und Säumnisse uns gegenüber sollen nicht schwerer wiegen als die wundervollen Zeiten mit meinen Schülern, die ich liebe, mit denen ich so gerne Zeit verbringe, wir unsere Wege finden, zu kommunizieren (sowohl mit den Gehörlosen, als auch mit den Vietnamesisch-Sprechenden) und ich einfach vor Stolz platze, wenn ich sehe, was sie hinkriegen und wie sie sich tänzerisch entwickelt haben!!!! In manchen meiner Tänzer beginnen die Augen zu glänzen, weil sie ermutigendes Feedback bekommen haben, bemerken, dass jemand ihr Talent sieht, sie selbständig arbeiten lässt… Wir haben so viel Spaß zusammen, liegen manchmal auf dem Boden und halten uns die Bäuche, die Vertrautheit wird immer größer, je besser mein Vietnamesisch wird und je weniger hart mein Anspruch für eine perfekte Aufführung ist. Und eigentlich ist es genau das, was ich mir am meisten wünsche. Diese tollen Jugendlichen hier zu fördern, zu ermutigen, mit ihnen Zeit zu verbringen und aus ihnen rauszuholen, was sie können und zu geben bereit sind. Und dabei mein Herz und meine Energie zu investieren. Ob es eine rauschende Aufführung gibt oder nicht ist sooo egal! Die meisten sind schon überglücklich, mal im TV zu sein, auf der Bühne zu stehen, zu bemerken, dass ich mit Spaß und sehr gerne mit ihnen arbeite und so stolz auf sie bin. Und damit bin auch ich überglücklich. Wirklich.
24.9.06 14:42
 



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