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The Sound of Vietnam


Meine Vietnamzeit neigt sich dem Ende zu. Noch 10 Tage, dann werde ich mich von meinem vietnamesischen Leben bis auf Weiteres verabschieden. Der letzte Eintrag soll dem gewidmet sein, worin sich Vietnam in allererster Linie auszeichnet und von allem unterscheidet, was ich in Deutschland gewohnt bin- seiner unvergleichlichen Geräusche, Sounds und der Lautstärke! Nehmen wir einen ganz normalen Tag mit seinen verschiedensten Reizen auf das Trommelfell, die in mein Zimmer dringen. Ich wohne in der „traditional food street“ Haonis, die vornehmlich von Einheimischen bevölkert wird. Dazu kommt, dass sie die einzige Straße der Stadt ist, die nicht dem Zapfenstreich unterliegt, sondern tatsächlich die ganze Nacht hindurch geöffnet hat. Wenn also um 5Uhr früh die letzten grölenden Gäste mit ihren knatternden Mopeds davon fahren, fangen bereits die ersten wieder an, Nudelsuppe zu kochen und wild mit dem Geschirr zu klappern. Morgens, normalerweise um 6Uhr beginnt auch der Baustellenlärm (keine Ecke Hanois ohne Baustelle!). Das heißt, Steineklopfer, die mit einer zum Wahnsinn treibenden, penetranten Beständigkeit mit Hammer und Meissel die Überreste der bis aufs Skelett abgerissenen Gebäude zerkleinern, aber auch die Metallsäger, Bohrer, Schleifer… wahrscheinlich unnötig zu sagen, dass die Fenster hier nicht gedichtet sind. Man hat das Gefühl der Presslufthammer rotiert im eigenen Bett, alles vibriert und man versteht sein eigenes Wort nicht mehr!
Jetzt kommen die Obst- und Gemüseverkäufer auf den Plan, die in einem ewig gleichen Singsang in nahezu mechanischen Stimmen ihre Ware anpreisen. „Ai muon mua cam truoi?“ (Wer will frische Orangen kaufen?) Stellt euch eine Telefonansage vor, die 20 Minuten dasselbe sagt und dabei immer auf dem letzten Wort einen Halteton singt…
Um 7Uhr (genauso wie um 17.30) kommen dann immer die Lautsprecher zum Einsatz. Strategisch und flächendeckend in der ganzen Stadt platziert, beginnt dann auf höchster Lautstärke das Propagandaprogramm. Eine forsche Frauenstimme verkündet vietnamesische News und noch 20 Minuten später schallen Marschlieder durch das Land. Das Schlimme an diesem Lärm ist, dass er soooo laut ist und auf einer so fiesen Frequenz daher dröhnt, dass selbst Ohropax einfach nichts dagegen ausrichten können. Zu meinem Unglück ist der Lautsprecher auch keine 7 m Luftlinie von meinem Balkon entfernt.
Ab halb 8 beginnt die rushhour. Ein solches Geknatter und Gedröhn kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen.


Tausende von Hondas auf einmal. Es ist, wie neben einer Waschmaschine im Schleudergang zu stehen nur noch mit zusätzlichem Hupkonzert. Oh ja, die Hupen! Himmel hilf! Ich hätte nie gedacht, wie garstig solche Hupen sein können! Vor allem, da ja in unserer deutschen Kultur vor allem an Hochzeiten die Hupe mal zum Einsatz kommt. Sonst ja nur, wenn man wirklich arg verärgert ist. Aber hier hupt man immer und überall und andauernd. Es heißt meistens- „ich weich nicht aus, pass auf!“ oder ist einfach nur ein „Hallo, ich bin auch da!“. Busse und PKWs haben die schlimmsten Hupen. So laut, dass ich oft vor Schreck schon fast vom Moped gesprungen wäre oder als Variation warten einige auch mit einer Art andauerndem Postbus-Gedudel auf. Manche bellen wie Reibeisen daher, andere quaken durchdringend und nervenaufreibend. Die vielen Schilder mit durchgestrichenen Hupen sind eine Farce. Sie stellen wie die Ampeln einfach nur Empfehlungen dar, die aber jeder belächelnd umgeht, solange kein Polizist daneben steht…
Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass eine Häuserreihe weiter die Schienen verlaufen. Der Hauptbahnhof ist nicht weit weg von hier, mitten in der Stadt und auch die Schienen führen mitten durch. Oft nur 1m von den Häuserwänden entfernt. Der Zug hat auch ein irrsinnig lautes Tuten.

Aber das alles stört den Vietnamesen nicht. Seelenruhig kann er noch neben der größten Baustelle oder an der belebtesten Straße seine Hängematte aufhängen und schlafen. Beneidenswert! Wobei ich sagen muss, dass ich inzwischen vieles auch nicht mehr wahrnehme. Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass das Empfinden von lauten oder unstimmigen Geräuschen als Lärm anerzogen und kulturell bedingt ist. Wer hier ein Radio, TV oder gar eine Karaokeanlage hat, dreht diese auch bitteschön bis zum Anschlag auf. Ob mehrere Musiken und TVs gleichzeitig in einem Raum laufen, spielt hierbei erstmal keine Rolle. Meine Theorie ist ja auch, dass deswegen die Asiaten allgemein, und hier vornehmlich die Vietnamesen, so gerne Karaoke singen. Das ist der Freizeitvertreib, bei dem sich eine große Gruppe Jugendlicher stundenweise in einen schalldichten Raum einmietet, einen riesigen Flachbildschirm, zwei Mirkofone samt einem Menü für Lieder zur Verfügung gestellt bekommt, und dann selbstvergessen bei ohrenbetäubender Lautstärke Songs schmettert. Weder schön noch richtig noch musikalisch- Hauptsache laut!

Andere Sound- Skurrilitäten, beginnen dann am späten Nachmittag. Da kommen die fahrenden Waagen und Popcorn- Verkäufer. Kennt ihr diese Geburtstagskarten, die, wenn man sie öffnet, in so einem piepsigen Ton „Happy Birthday“ dudeln? Genau die! Nur ums 20fache in der Lautstärke aufgedreht. Der Sound kündigt die fahrbaren Dienstleistungen an. Happy Birthday Gepiepse kommt meist von einem Fahrrad, das auf dem Gepäckträger eine Popcornmaschine festgeschnallt hat, mit einem beleuchteten Plexiglaskasten drumrum, aus der unablässig Popcorn schießt. Es kann aber auch mal „We wish you a merry Christmas“ oder „Jingle Bells“ sein (zu jeder Jahreszeit). Wobei sich allerdings mit Jingle Bells oder aber Lambada oft auch die Waagenmänner Gehör verschaffen. Da kaum ein Vietnamese eine eigene Personenwaage besitzt, kommen also Männer mit riesigen Waagen durch die Straßen gefahren. Solche, die bei uns die Ärzte haben, wo gleichzeitig ein verstellbares Maß von oben die Körpergröße erfasst. Das beängstigende an der Sache ist, dass die Waage dann alle ermittelten Daten (natürlich alles andere als diskret leise) herausposaunt und Ratschläge zum Besten gibt. Ich werde dieses Ding höchstens mal nutzen, um vor der Abreise meinen Rucksack zu wiegen… Zu Einbruch der Dunkelheit bimmelt es dann. Wie in Kleinstädten Deutschlands die Eierfrau oder das Fischauto. So eine Klingel. Damit zieht die städtische Müllabfuhr durch die Straßen (Karren ziehend und Müll einkehrend) und fordert die Leute auf, ihren Abfall rauszustellen. Zur Essenszeit, beginnt dann auf der „eat street“ das Leben. Das Schmatzen höre ich zugegebenermaßen nicht bis in den 5. Stock ;-), aber die andauernden Trinksprüche und johlenden Zurufe, das Platzenlassen der Vakuum verpackten feuchten Tücher, schreiende Kinder, Schalentierüberreste, die auf den Boden geworfen werden, Geschirrgeklapper, die Mopeds, die dauerhupen, um durch die enge, mit Tischen und Stühlen blockierte Gasse zu navigieren, … oft beginnt dann um 22h wieder der Baustellenlärm von Neuem, da LKWs nur nachts fahren dürfen, bzw. viele Familien ihr eigenes Haus nach Feierabend selbst (um)bauen.
Dann kann es sein, man hört noch zu später Stunde ein Geklapper wie Kastagnetten. Das ist meist ein mysteriöser Fahrradfahrer mit einem kleinen Köfferchen. Der Masseur, so habe ich mir sagen lassen. Er hat wohl allerhand Pflästerchen und Gläser (für eine Art Saugtherapie) dabei. Hab ich mich noch nicht rangewagt...Also auch eine Art Service frei Haus. Was dann noch abgeht, hat mich anfangs oft aus dem Schlaf schrecken lassen- die Kater, die über die Dächer springen und ein Gezeter veranstalten, dass man meinen könnte, ganze Schweineställe würden geschlachtet werden oder, und das war das Beängstigendste, als würden Kinder lauthals schreien… Aber das alles ist inzwischen so normal geworden, dass ich trotz allem seelenruhig (na gut, außer bei der Marschmusik) am PC weiterarbeiten oder schlafen kann.

Ich werde mit Sicherheit meine Zeit brauchen, um mich wieder an die Stille Deutschlands zu gewöhnen...

5.1.07 18:25
 



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